Finden und Fördern von mathematisch begabten Kindern – (K)ein Thema für die Ausbildung von Lehrkräften!?
Die Mitgliederversammlung am Samstag den 4.November
2006
Angekündigt
war ein Vortrag „Leitlinien der Begabungsförderung in Brandenburg und Ansätze
für ihre Umsetzung“. Ich hatte von dem Vortrag viel erwartet und deshalb
Studierende zur Teilnahme eingeladen. So waren 10 junge Frauen gekommen, die
mir in der Woche darauf Fragen zum erlebten Vortrag und der heftigen Diskussion
stellten und mir z. T. auch kurze schriftliche Rückmeldungen gaben. Hier ein
Auszug:

Die Gespräche und Notizen
stimmen mich optimistisch, dass die anwesenden Studentinnen die Teilnahme nicht
als Zeitverschwendung empfanden, sondern sich der Anregungen bewusst geworden
sind, die sie erhalten haben. Dazu gehören beispielsweise das Spektrum der
Aktivitäten, welche unter dem Namen „Begabungsförderung“ laufen sowie die
Anlaufstellen und Literaturquellen für konkrete inhaltliche Hilfen. Sie
erfuhren, dass die Hinwendung zum Kind,
die Empathie der einzelnen Lehrkraft eine der wichtigsten Voraussetzungen
in der Arbeit für und mit begabten Kindern ist.
(Wie es Herr Sprengel so treffend ausdrückte.)
Die von den Mitgliedern
fortgesetzte Diskussion führte zu dem Schluss, dass es jedem von uns die Sache
„Begabungsförderung“ wert ist, sich weiterhin zu engagieren, wenn auch die
äußeren Rahmenbedingungen momentan nicht immer motivieren und in vielen Fällen
unbedingt wieder auf das frühere Niveau anzuheben sind.
Als Resümee habe ich verstanden:
Wir machen weiter und werden
unsere Tätigkeit nicht nur auf die Vorbereitung und Durchführung von Olympiaden
einengen. Wir wollen mit der Förderung die gewünschte Breite in der Basis
erreichen (Herr Kuhn sprach im Vortrag von ca. 15 bis 20 % aller Schüler jeder
Altersgruppe).
Diese Mitgliederversammlung
hat mich darin bestärkt, das Thema Förderung
mathematisch interessierter und begabter Kinder weiterhin mit Nachdruck im
Rahmen der mir gegebenen Möglichkeiten in die Ausbildung von Lehrkräften für die
Primarstufe zu integrieren. Mir ist zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich
gewissermaßen als Einzelkämpferin im Fach Mathematik am Institut für
Grundschulpädagogik für dieses Thema eine große Verantwortung trage. Zugleich
wurde mir klar, welch reiches Erfahrungswissen der Verein durch seine
Mitglieder in die Ausbildung und Fortbildung von Lehrkräften einbringen kann.
Schließlich habe ich selbst jahrelang davon profitiert: Inhaltlich aus den
Schriften vom Kollegen Sprengel, methodisch durch „abgucken“, wenn ich an AG-
Stunden bei Andreas Klee teilnahm.
Stationen der Entwicklung des Seminarangebots
„Förderung mathematisch interessierter und begabter Kinder“ in der Ausbildung
zum Lehramt Primarstufe
Begonnen habe ich 1987 in
der Ausbildung von Grundschullehrern am damaligen Institut für Lehrerbildung
Potsdam. Anfangs hatte ich voll zu tun, um mich in den vorgegebenen „Lehrstoff“
im Teilgebiet Methodik des Mathematikunterrichtes hineinzufinden. Über die
Teilnahme meiner Tochter am Knobelwettbewerb in der Klasse 3 kam ich zum ersten
Mal in den Genuss, die Matheestrade im Treffpunkt Feizeit zu erleben. Ich war
beeindruckt von den mathematischen Tricks, welche die Kinder vorführten und dem
sicheren Auftreten ihres Klubleiters als „Showmaster“. Mit der Aufnahme meiner
Tochter in den Potsdamer Mathematikklub im Jahr 1992 nahm ich indirekt an den
Klubveranstaltungen teil. Ganz zu Anfang gab es Situationen, dass meine Tochter
aus der AG kam und erzählte, sie hätte heute sehr wenig Striche und Punkte
erhalten. Auf meine besorgte Frage, ob sie nun keine Lust mehr hat, den
Matheklub weiterhin zu besuchen, antwortete sie: "Doch. Ich lerne hier
etwas ganz Anderes als in der Schule. Es macht mir Spaß." Spätestens da
begann ich darüber nachzudenken, worin denn das „Andere“ besteht, was sie im
Mathematikklub und nicht im Unterricht lernt. Deshalb habe ich Herrn Klee
gebeten, bei ihm hospitieren zu dürfen. Ich begriff bald, dass im Matheklub
heuristische Schulung stattfindet, die nicht nur Vorbereitung auf Olympiaden
bedeutet sondern zum selbständigen Denken befähigt. Ich begann mich für die
Begabungsförderung im Allgemeinen und die Mathematikolympiaden im Speziellen zu
interessieren. Herr Klee bot an, durch Studierende die Stadtolympiade
korrigieren zu lassen. Das haben wir dann auch zunächst unabhängig von
Lehrveranstaltungen, sozusagen in der Freizeit, getan. Ich lernte Frau und
Herrn Sprengel kennen, las in der Arbeit von Herrn Langlotz über Fragen des
Verhältnisses von Interesse an Mathematik und mathematischer Begabung bei
Grundschulkindern. So habe ich mich eingearbeitet, denn im Studium zur
Diplomlehrerin für Mathematik und Physik war Begabungsförderung kein Thema.
Auch in den Jahren danach, während der Zeit des dreijährigen Forschungsstudiums
in Mathematikmethodik und den 9 Jahren Arbeit als Lehrerin hatte ich andere
Beschäftigungsgebiete.
Ab 1993 habe ich mit
Seminaren zum Thema mathematische Begabung begonnen. Zunächst stand die
spezielle Art von Aufgaben im Vordergrund. Es wurden die Stadtolympiaden
korrigiert, deren Aufgaben Andreas Klee entwickelt hat. Im nächsten Semester
habe ich mich mit den Studierenden an die Zusammenstellung von
Olympiadeklausuren für die Jahrgangsstufen 3 und 4 herangemacht, welche von den
Studierenden des nachfolgenden Seminars korrigiert werden mussten. (vgl.
Informationsblatt Nr.15, 1994) Die ganze Zeit hat Herr Klee uns betreut.
In der Zeit von 1999 bis
2002 ruhte meine Arbeit am Thema „Begabungsförderung“. Es fanden derweil auch keine diesbezüglichen Seminare im Fach
Mathematik statt!
Ab
Wintersemester 2002/03 habe ich die Seminare wieder aufleben lassen. Die
Studierenden korrigierten wiederum die Arbeiten der kleinen Stadtolympiade aber
auch die 2. Stufe der Olympiade Klasse 5. Darüber hinaus stiegen einige von
ihnen tiefer in die möglichen Denkweisen von Kindern ein, indem sie die
vollzogenen Lösungsprozesse analysierten. Es entstanden interessante
Belegarbeiten, wie es das nachfolgende Zitat erahnen lässt:

Erstmalig führten die
Studierenden mit Kindern der Jahrgangsstufen 3 und 4 selbst mathematische
Nachmittage durch. Ich hatte zu vier Potsdamer Schulen Kontakt aufgenommen und
über die Klassenlehrerinnen und Eltern an Mathematik interessierte Kinder
gefunden.
In den darauf folgenden
Semestern bot ich kontinuierlich je ein Seminar zum Thema Förderung mathematisch interessierter und begabter Kinder an. Ich
veränderte die inhaltliche Orientierung von den Mathematikolympiaden auf die
Befähigung der Studierenden zum selbständigen Führen von mathematischen
Arbeitsgemeinschaften. Diese AG’s wurden je Seminar in vier bis sechs Potsdamer
Grundschulen durchgeführt.
Stichpunktartig die
Schwerpunkte der Seminare:
o Hospitation im Matheklub bei
Andreas Klee um zu sehen, wie professionell Begabungsförderung erfolgen kann
und zu erleben, was Grundschulkinder überhaupt auf mathematischem Gebiet so
leisten können,
o Sich selbst erproben bei
mathematischen Knobeleien und Spielen sowie diese analysieren lernen,
o
Geeignete
Arbeitsmittel ausprobieren und in Literaturquellen recherchieren
(z. B. Aufgabensammlung für Arbeitsgemeinschaften von Herrn Dr. König
aus Chemnitz http://www.bezirkskomitee.de
Aufgaben des Känguru-Wettbewerbs: http://www.mathe-kaenguru.de
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): "Begabte
Kinder finden und fördern- Ein Ratgeber für Eltern und Lehrer" E-Mail: books@bmbf.bund.de; Internet: http://www.bmbf.de )
o Verständnis entwickeln für
„Begabung“ und „mathematische Begabung“ sowie Möglichkeiten des Findens und
Förderns kennen lernen
o Selbständiges Durchführen
von Mathe- AG’s mit Kindern der Jahrgangsstufen 2 bis 5,
Was wurde erreicht?
Die Anzahl der AG-Termine
schwankte zwischen 2 und 8 in einem Semester. Das war abhängig von der
Schwerpunktsetzung für das Seminar und der Länge der Einzelveranstaltung (60
bzw. 90 Minuten).
Die Anzahl der Kinder, die von einem Studierender zu
betreuen sind liegt im Durchschnitt bei 6.
In der Zeit vom
Wintersemester 2002/03 bis jetzt zum Wintersemester 2006/07 haben 138
Studierende an diesem Seminar teilgenommen. Durch die von ihnen geleiteten
Arbeitsgemeinschaften haben sich über 800 Grundschulkinder freiwillig in ihrer
Freizeit mit Mathematik beschäftigt.
Warum habe ich so ausführlich über dieses eine
Seminarthema Förderung mathematisch interessierter und begabter Kinder berichtet, schließlich stellt es doch
nur einen kleinen Ausschnitt in der
Grundschullehrerausbildung dar?
Es ist im Interesse der
Kinder notwendig, die Vorstellungen einzelner Bildungsträger gegenseitig
wahrzunehmen und miteinander zu kommunizieren.
Es muss erreicht werden,
dass die aus gesellschaftspolitischer Sicht wichtigen Fördermaßnahmen für die
Entwicklung des Kindes in der Ausbildung von Lehrkräften fest verankert
sind.
Zur Begründung der
vorstehenden Forderungen erinnern wir uns der folgenden Aussagen von Herrn Kuhn
im Vortrag:
o Begabungsförderung soll in
der Ausbildung und Fortbildung von Lehrkräften betrieben werden.
o Es sind
Arbeitsgemeinschaften an den Schulen zu entwickeln.
Bringen wir diese Aussagen
nun mit dem Fazit von drei Studierenden zusammen, das ich aus ihrem Bericht
über die von ihnen an einer Grundschule gemeinsam durchgeführten mathematischen
Nachmittage entnommen habe:

Angelika Möller
Fach Mathematik, Institut für Grundschulpädagogik an
der Universität Potsdam